1.09.2026
Millimeterarbeit gegen Lungentumoren: die MUSIC-Studie
Manche Lungentumoren liegen unmittelbar an besonders empfindlichen Strukturen wie der Luftröhre, den Hauptbronchien oder der Speiseröhre. Aufgrund dieser sogenannten «ultrazentralen» Lage stellt ihre Bestrahlung eine besondere Herausforderung dar. In der MUSIC («MR-informed Stereotactic Radiotherapy for Treatment of Ultracentral Lung Tumors Utlilizing a Dedicated MR-SImulator for Daily Adaptation followed by CBCT-guided Treatment Delivery»)-Studie untersucht die Klinik für Radio-Onkologie des Universitätsspitals Zürich einen neuen Ansatz, mit dem die Behandlung dieser Tumoren noch präziser an die individuelle Anatomie angepasst werden soll.
Warum ultrazentrale Tumoren besondere Sorgfalt erfordern
Die stereotaktische Hochdosisbestrahlung (engl., «stereotactic body radiotherapy», SBRT) ist eine mittlerweile etablierte Behandlungsmöglichkeit für frühe, nicht operable Lungentumoren sowie für ausgewählte Lungenmetastasen.
Befindet sich ein Tumor jedoch in unmittelbarer Nachbarschaft zu strahlenempfindlichen Organen wie der Luftröhre, den Hauptbronchien oder der Speiseröhre, muss eine Bestrahlung besonders sorgfältig unter Rücksichtnahme auf gesundes Normalgewebe geplant werden. Ziel ist es, den Tumor wirksam zu behandeln und gleichzeitig das Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen so gering wie möglich zu halten. Genau hier setzt die MUSIC-Studie an.
Was ist SBRT?
SBRT ist eine besonders präzise Form der Strahlentherapie. Dabei wird eine hohe Strahlendosis in einer begrenzten Anzahl von Behandlungssitzungen, sogenannten «Fraktionen», gezielt auf den Tumor abgegeben. Eine exakte Lagerung, moderne Bildgebung und eine millimetergenaue Ausrichtung der Strahlenfelder tragen dazu bei, das umliegende gesunde Gewebe bestmöglich zu schonen.
Bei frühen, nicht operablen Lungentumoren können mittels SBRT heutzutage hohe lokale Tumorkontrollraten erreicht werden. Die Behandlung gehört deshalb bei entsprechend geeigneten Patientinnen und Patienten zu den etablierten Therapieoptionen, die in internationalen Behandlungsleitlinien empfohlen werden.
Was ist an der MUSIC-Studie neu?
Bei einer konventionell geplanten Strahlentherapie wird vor Behandlungsbeginn auf Grundlage einer Planungsbildgebung ein Bestrahlungsplan erstellt. Dieser Plan wird während der Behandlungsserie grundsätzlich beibehalten, wobei die korrekte Position des Tumors und der umliegenden Organe vor jeder Bestrahlung mithilfe einer bildgestützten Lagerung überprüft wird.
In der MUSIC-Studie wird dieses Vorgehen um eine tägliche Magnetresonanztomografie (MRI) ergänzt. Vor jeder Bestrahlungssitzung wird mit einem MR-Simulator eine aktuelle Aufnahme des Behandlungsbereichs angefertigt. Dadurch können Veränderungen der Tumorform und -grösse sowie Verschiebungen angrenzender Organe sichtbar gemacht werden.
Auf Grundlage dieser aktuellen Bildgebung wird der Bestrahlungsplan unmittelbar vor der jeweiligen Sitzung an die individuelle Anatomie angepasst. Die eigentliche Bestrahlung erfolgt anschliessend an einem modernen CT-bildgestützten Linearbeschleuniger. Dieses Vorgehen soll eine möglichst zuverlässige Abdeckung des Tumors ermöglichen und gleichzeitig die Strahlenbelastung empfindlicher Nachbarorgane reduzieren.
Wie läuft die Behandlung ab?
Vor Beginn der Behandlung erfolgt eine ausführliche bildgebende Vorbereitung. Dazu werden MRI-Untersuchungen mit zwei Geräten unterschiedlicher Magnetfeldstärke in der späteren Bestrahlungsposition durchgeführt. Gemeinsam mit der weiteren Planungsbildgebung bilden diese Aufnahmen die Grundlage für den initialen Bestrahlungsplan.
An jedem Behandlungstag wird zunächst eine kurze MRI-Aufnahme angefertigt. Das Behandlungsteam beurteilt daraufhin die aktuelle Lage des Tumors und der angrenzenden Organe und passt den Bestrahlungsplan bei Bedarf an. Anschliessend erfolgt die Bestrahlung.
Einmal pro Woche ist eine zusätzliche, umfangreichere MRI-Untersuchung vorgesehen. Diese liefert ergänzende Informationen über mögliche Veränderungen des Tumors während der Behandlung. Darüber hinaus werden die Teilnehmenden regelmässig gebeten, einen kurzen Fragebogen zum Behandlungskomfort auszufüllen.
Wer kann an der Studie teilnehmen?
Für die MUSIC-Studie kommen Patientinnen und Patienten infrage, bei denen eine hochpräzise stereotaktische Strahlentherapie eines ultrazentral gelegenen primären Lungentumors oder einer Lungenmetastase vorgesehen ist.
Die Indikation zur Behandlung wird im interdisziplinären Tumorboard geprüft. Ob eine Teilnahme möglich ist, hängt darüber hinaus von den festgelegten Ein- und Ausschlusskriterien der Studie sowie von der individuellen gesundheitlichen Situation ab.
Studienleiter ist Prof. Dr. med. Nicolaus Andratschke. Die MUSIC-Studie ist Teil des ARTEMIS-Programms der Klinik für Radio-Onkologie, in dessen Rahmen die adaptive, MRT-gestützte Strahlentherapie systematisch weiterentwickelt und klinisch untersucht wird.
Was ist ARTEMIS?
ARTEMIS steht für «Adaptive Radiation Therapy Enhanced by Magnetic Resonance Imaging Systems») und bezeichnet das klinische und wissenschaftliche Programm der Klinik für Radio-Onkologie des Universitätsspitals Zürich zur Weiterentwicklung der MR-gestützten, adaptiven Strahlentherapie.
Bei dieser innovativen Behandlungsmethode wird die aktuelle Anatomie vor einer Bestrahlungssitzung mithilfe eines MR-Simulators erfasst. Der Bestrahlungsplan kann daraufhin an aktuelle Veränderungen des Tumors sowie an Lageveränderungen benachbarter Organe angepasst werden. Dies ist insbesondere in Körperregionen von Bedeutung, in denen sich Zielgebiete und Risikoorgane zwischen den Behandlungstagen verschieben können.
Dieser Behandlungsmethode wird bereits bei verschiedenen Tumorerkrankungen klinisch eingesetzt und untersucht, unter anderem bei Patienten mit Prostatakrebs oder Lymphknotenablegern im Becken. Mit der MUSIC-Studie wird das innovative Behandlungskonzept nun auf die besonders anspruchsvolle Behandlung von PatientInnen mit ultrazentralen Lungentumoren übertragen.
Nicolaus Andratschke
Nicolaus.Andratschke@usz.chInstitution
Universitätsspital Zürich